MS Trollfjord Reisebericht Norwegen: Eisbärenclub und Tromsø bei Nacht / Polarkreis


    [Eisbärenclub und Tromsø bei Nacht] – Der achte Tag dieser Reise beginnt – nach kurzen nächtlichen Anlegemanövern in Honningsvøg, Masøy und Havøysund – gegen Mittag mit einem 1 ½-stündigen Aufenthalt in Hammerfest, die sich selbst als die „nördlichste Stadt der Welt“ bezeichnet (was allerdings auch stimmt). Sie liegt auf demselben Breitengrad wie die nördlichsten Gebiete von Sibirien, der nördlichste Punkt Alaskas, die nördlich von Kanada liegenden Inseln und die Mitte Grönlands. Nur wärmer ist es hier (Dank Golfstrom), allerdings sind -10°C dennoch ziemlich frisch.

    Und noch etwas zeichnet Hammerfest mit seinen rund 7.000 Einwohnern aus – es gibt einen örtlichen Verein mit über 200.000 Mitgliedern. Der 1963 gegründete „Isbjørnklubben“ (Eisbärenclub) hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Tradition der Stadt Hammerfest als Eismeerstadt zu bewahren und hierzu Geschichte, Kultur, Natur und Leben der Menschen im Rahmen einer umfangreichen Sammlung, u.a. arktischer Tiere und Vögel, für nachfolgende Generationen zu erhalten ).



    Neben Zahlung eines einmaligen Aufnahmebeitrags i.H.v. 160 NOK ist unumstößliche Bedingung die persönliche Anwesenheit bei Beantragung der Mitgliedschaft. Da ich diese Bedingungen – im Gegensatz zu Elvis Presley, dem die Mitgliedschaft aufgrund von Nichtanwesenheit verweigert wurde – erfülle, bin ich nun im Besitz meines Mitgliedsausweises mit der Nummer 224.198 – ob ich allerdings jedes Jahr am dritten Sonntag im Januar zur Jahresversammlung persönlich anreisen werde, weiß ich noch nicht sicher … ;-)

    Natürlich verlasse ich Hammerfest nicht, ohne mir die Ausstellung im Eisbärklub anzusehen (die ich als Mitglied übrigens kostenfrei besuchen darf); neben verschiedenen präparierten arktischen Tieren und Vögeln wird auf Schautafeln und Bildschirmen viel Hintergrundwissen über die Lebensweise der Tiere berichtet. So weiß ich inzwischen u.a. – zumindest theoretisch – woran der bevorstehender Angriff eines Eisbären zu erkennen ist (und dass es dann zu spät sein wird, darüber zu berichten…).

    Hammerfest – Eisbärenclub

    Die schönste Seereise der Welt ...

    Weiter geht unsere Fahrt in Richtung Tromsø; den Nachmittag mit kurzen Zwischenstopps in Øksfjord und Skjervøy verbringe ich, versorgt durch meine Kaffee-Flatrate, mit einem spannenden Krimi von Andreas Franz in einem der Sessel der Panorama-Galerie und bewundere die nicht endend wollende Fahrt durch die Fjorde und Inseln. Auch das Wetter spielt nach wie vor mit – lediglich einige kleinere Wölkchen sind am ansonsten blauen Himmel zu finden. Und damit ist die offene Seestrecke „Lopphavet“ auch relativ ruhig – wobei die Betonung auf „relativ“ liegt: aber irgendwie gewöhnt man sich tatsächlich an die ständigen leichten Bewegungen auf dem Schiff und nimmt diese eigentlich nur noch wahr, wenn man seinen Kaffee betrachtet oder bewusst darauf achtet.

    Unterwegs treffen wir dann noch die MS Lofoten, das älteste noch in Betrieb befindliche Schiff der Hurtigruten-Flotte. Fast hätte es nicht für ein Foto gelangt, denn die Durchsagen der Reiseleitung erfolgen in der Reihenfolge „norwegisch – englisch – deutsch“. Wenn also der norwegische Text lautet: „In zwei Minuten treffen wir die MS Lofoten“, dann reduziert sich die Zeit im englischen Text schon auf „In einer Minute …“, so dass im deutschen Text eigentlich die Vergangenheitsform angebracht wäre: „Wir haben soeben die MS Lofoten passiert. Wenn Sie ein Foto machen wollen, denken Sie an Ihr Teleobjektiv …“. Und was lernen wir daraus? Sprachen lernen ist immer sinnvoll … ;-)

    MS Lofoten

    Tromso bei Nacht

    Bevor wir kurz vor Mitternacht Tromsø erreichen und einen knapp zweistündigen Aufenthalt einlegen, hat der Küchenchef zum Dinner geladen. Wie immer stehen drei Gänge auf der Menükarte: als Vorspeise wird eine Fenchel-Suppe mit mariniertem Serrano-Schinken, zum Hauptgang Gebratenes Schweinefilet an Jasminreis mit Ananaschutney und Madeirasauce und zum Abschluss Brownies mit Erdnüssen und einem Sorbet serviert. Und auch der Portugieser darf wieder am Mahl teilnehmen …

    Meinen ersten Besuch in Tromsø auf der nordgehenden Route hatte ich ja bereits zur Besichtigung von Eismeerkathedrale und Polaria genutzt (was auch sinnvoll war, da dies jetzt Mitten in der Nacht auch schwieriger gewesen wäre – zumindest außerhalb der Mitternachtssonnenzeit), so dass ich den heutigen Aufenthalt für ein paar nette Fotos der beleuchteten Stadt nutzen kann. Vermutlich aufgrund der mehrwöchigen Dunkelzeit im Winter sind die Norweger alles andere als ein lichtscheues Volk – die Fenster und Häuser sind meist hell erleuchtet, so dass sich hier nette Lichtstimmungen ergeben.

    Polarkreis, Hurtigrutenmuseum und Raftsund

    Die nun folgende Nacht bringt lediglich einen kurzen Stopp in Finnsnes mit sich (den ich aber wie üblich verschlafe), so dass ich pünktlich zum Frühstück aufwache.
    Ansonsten steht der heutige Tag ganz im Zeichen der Erholung und Entspannung. Nach dem Frühstück beginne ich den Tag, der im Wesentlichen mit blauem Himmel aufwartet, im Whirlpool an Deck und lasse die Landschaft an mir vorüberziehen.

    Wir nähern uns dabei unausweichlich dem Polarkreis (jetzt leider von der anderen Seite) – vereinzelte schneefreie Flächen an den Bergrändern weisen auf das langsam aber sich näher kommende Ende unserer Fahrt entlang der norwegischen Küste hin.

    Die schönste Seereise der Welt …

    Stokmarnes - Hurtigrutenmuseum

    Bis dahin ist aber weiterhin Urlaub angesagt. Da Julia Durant heute Nacht um kurz vor Drei ihre Verbrecherjagd erfolgreich abgeschlossen hat (Ihr erinnert Euch an den Krimi von Andreas Franz?), nutze ich den Vormittag, um die inzwischen über 800 Bilder zu sichten, zu sortieren und zu bearbeiten – natürlich in der Panorama-Galerie (wo auch sonst?), um auch nichts zu verpassen.
    Inzwischen ist es kurz nach zwei und wir legen gerade in Stokmarknes an, dem Geburtsort der Hurtigruten. Natürlich befindet sich hier auch das Hurtigrutenmuseum, in dem die seit 1893 dauernde Geschichte der Schifffahrtslinie zwischen Bergen und Kirkenes – die übrigens auch Nationalstraße Nr. 1 genannt wird – noch einmal lebendig wird.

    Und je tiefer man in die Vergangenheit einsteigt, um so deutlicher werden die Unterschiede zwischen der ersten Fahrt mit Kapitän und Gründer Richard With und der heutigen „schönsten Seereise der Welt“. Waren es seinerzeit noch echte Postschiffe, bei denen der Kapitän bei Wind und Wetter auf der Brücke im Freien stand, die neben viel Fracht auch Passagiere mitnahmen, so sind die Schiffe der neuen Generation (zu denen auch die MS Trollford gehört) dann doch eher Passagierschiffe, die auch Fracht mitnehmen.
    Übrigens sollte man das nicht unterschätzen. In jedem der 34 Häfen stehen bei Ankunft Hafenarbeiter mit Gabelstaplern bereit, um die Paletten ein- und auszuladen; es werden Fahrzeuge an und von Bord gefahren und auch Passagiere, die nur wenige Häfen weiter wieder aussteigen, gehen regelmäßig an Bord. Ohne Hurtigruten wäre das Leben in vielen Küstenorten in der Tat undenkbar.

    Doch zurück zum Museum: Neben Dokumenten, Fotos und Gegenständen aus über 100 Jahren Hurtigruten-Geschichte gibt es eine Multimediashow, die den früheren Alltag auf den Schiffen beschreibt sowie die Möglichkeit, ein Schiff aus den 50er-Jahren, die MS Finnmarken, zu besichtigen.

    Zurück an Bord ist das auch die letzte größere Station vor meinem Zielhafen, Trondheim, gewesen.

    Wir legen zwar noch an acht verschiedenen Häfen an, haben überall jedoch nur kürzere Aufenthalte (mit Ausnahme von Bodø, das wir heute Nacht um 1.30 Uhr anlaufen und um 4.00 Uhr wieder verlassen, bzw. Svolvær, Sandnessjøen und Rørvik, wo die Liegezeit allerdings nur einen kurzen Spaziergang am Hafen erlaubt).

    MS Trollfjord – Ladeaktivität

    Die schönste Seereise der Welt ...

    Somit bietet der Rest der Reise noch ausreichend Gelegenheit zur Entspannung und Landschaftsbeobachtung – immerhin liegen jetzt noch die Lofoten und morgen die Polarkreisüberquerung und die Sieben Schwestern vor uns …
    Und das hat es in sich: spätestens mit Einfahrt in den etwa 20 km langen Raftsund beginnt wohl auch einer der schönsten landschaftlichen Strecken. Es ist jetzt mehr ein Gleiten als ein Fahren, kleine und kleinste Inselchen werden umrundet, rechts und links türmen sich die bis zu 1.000 m hohen Berge der Vesterålen und Lofoten auf – und wir bewegen uns unaufhörlich auf den Sonnenuntergang zu. Mancher mag das kitschig finden – ich würde diesen Augenblick liebend gern für immer einfrieren (hab ich natürlich fotografisch auch versucht).

    Die Durchsage mit dem Hinweis auf das Abendessen reißt mich allerdings aus den Träumen. Im Speisesaal erwartet uns heute Westfjordschinken mit Selleriesalat an mariniertem Spargel, anschließend gebackener Seelachs mit Dillkartoffeln sowie zum Dessert ein Zitronensorbet mit Heidelbeeren – ich befürchte leider das Schlimmste, wenn ich an die Waage zu Hause denke. Wahrscheinlich gilt das AIDA-Motto „Abnehmen ist danach angesagt“ auch für Fahrten mit der Hurtigruten…

    Zum Abschluss geht es nach dem Essen noch mal für eine halbe Stunde in den Whirlpool – das ist einfach nur genial: Man liegt im warmen Wasser, rund herum blubbert es und über einem nur der klare Sternenhimmel … Wie kann ein Tag schöner enden?


    © Reisebericht und Bilder von Harald Manger





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