Reisebericht: MS Trollfjord: Brückenführung und Nordkap / Kirkenes


    [Brückenführung und Nordkap – ] -Aller guten Dinge sind drei – so könnte der heutige Bericht beginnen. Denn wenn auch der gestrige Tag schon der schönste der Reise war, so ist der heutige mit drei Highlights noch einmal auf der Überholspur vorbeigezogen und hat den Titel „schönster Tag“ verdient. Ich lasse die ersten beiden Stunden des Tages jetzt einfach einmal weg, da sich hier keine wesentlichen Unterschiede zu den Vortagen ergeben haben (wenn man davon absieht, dass es heute zum Frühstück u.a. Spiegeleier mit Speck gab – allerdings zu Lasten des gestern servierten Omelettes).

    Bruecke MS Trollfjord - Harald Manger

    Bruecke MS Trollfjord – Harald Manger



    Und dann kam schon das erste Highlight – die Brückenführung. Anders als auf den Schiffen der AIDA-Flotte gibt es an Bord der Hurtigruten diese noch. Kurz nach 10 Uhr hat uns Kapitän Tormod Karlsen auf die Brücke gebeten und uns gemeinsam mit seinem Sicherheitsoffizier seinen Arbeitsplatz vorgeführt. Wie nicht anders zu erwarten, hat auch hier der Computer Einzug gehalten und kümmert sich um die Routineaufgaben wie z.B. die Steuerung des Schiffes. Händisch wird eigentlich nur eingegriffen, wenn es um die Steuerung in sehr engen Fjorden geht oder im Rahmen des An- und Ablegens. In allen anderen Fragen verlässt man sich da auf die Technik.



    Interessant hierzu sind aber auch die Ergänzungen des Sicherheitsoffiziers, der auf Nachfrage das eine oder andere Detail aus dem Bereich des Brandschutzes berichtet – Stichworte hier sind Brandmeldeanlage, Sprinkleranlage sowie die vorhanden Löscheinrichtungen. Das kommt einem irgendwie alles nicht unbekannt vor und ist auf dem Wasser nicht viel anders als an Land – sogar Laufkarten gibt es direkt neben der Gangway …

    Entgegen meinen ersten Erwartungen gibt es auch keine Berührungsängste in Bezug auf das Fotografieren – somit ist also auch das eine oder andere Foto von und auf der Brücke auf der Speicherkarte verewigt. Zum Abschluss treffen wir uns dann alle noch an der Bar – und genießen auf Einladung des Kapitäns einen netten Cocktail … OK, „auf Einladung“ ist vielleicht übertrieben – immerhin hat die Führung 80 NOK gekostet ;-)

    Das Mittagessen fällt zunächst einmal aus, da gleich darauf das zweite Highlight des Tages auf dem Programm steht – der Ausflug zum Nordkap (den im Übrigen knapp 100% der Passagiere mitmachen).

    Nordkap

    Doch zurück zu unserer Fahrt ans Nordkap. Allein die Fahrt durch die verschneiten und unberührten Berge ist schon ein Erlebnis; die letzten zehn Kilometer müssen unsere vier Busse nun im Konvoi hinter einem Schneepflug fahren, der die Straße zum Nordkap in einen befahrbaren Zustand versetzt.

    Und dann ist es soweit: wir sind da. Das Ende der Welt – naja, fast. Das Ende des europäischen Festlandes ist erreicht. Was dem einen sein Stromberg, ist dem anderen das Nordkap (Insider!). Jetzt sind es nur noch rund 2.000 km bis zum Nordpol – und dazwischen gibt es nichts außer ein paar Eisbären auf ihren Eisschollen.

    Wir haben eine Stunde Aufenthalt, in denen hunderte Fotos geschossen werden, in denen ein Film im 180°-Kino vorgeführt und noch einige Kekse und ein Kaffee zum Aufwärmen serviert wird. Das mit dem Aufwärmen ist übrigens nicht ganz unwichtig: auch wenn es windstill ist, merkt man die Temperatur von -7°C schon ein bisschen – insbesondere dann, wenn man zum Zweck des Auslöserbetätigens auf den rechten Handschuh verzichten muss …

    Auf der Rückfahrt zum Schiff ist es dann verdächtig ruhig im Bus – irgendwie scheint jeder mit den Eindrücken noch ein bisschen beschäftigt zu sein und seinen Gedanken nachzuhängen; zumindest mir geht es so … das hat heute schon was Einmaliges gehabt – insbesondere wenn man bedenkt, welches Glück wir mit dem Wetter gehabt haben …

    Wir erreichen das Schiff in letzter Minute (OK, vermutlich hätte es gewartet, da ja mehr oder weniger alle Passagiere gefehlt haben) und ich nutze die Gelegenheit, das Aufwärmen im Whirlpool auf Deck 9 zu betreiben – unangenehm ist nur der Moment, wenn man sich aus dem über 40°C warmen Wasser nach draußen in die Umgebungsluft (durch den Fahrtwind etwa -20°C gefühlte Temperatur) begibt (und dabei ja eher dünn bekleidet ist). Vielleicht sollte ich es auch so machen, wie eine mitreisende Japanerin, die sich im Neoprenanzug in den Whirlpool gelegt hat …)

    Buffet

    Und nun zum dritten Highlight: die Küchenbesatzung hat das leere Schiff heute offensichtlich zum umfangreichen Kochen genutzt und anstelle des Menüs mal wieder ein Buffet aufgefahren – „Norwegische Spezialitäten“ waren angesagt. Rein ernährungstechnisch war der Tag heute also eigentlich eher eine Katastrophe – aber was will man machen, wenn Königskrabben, Taschenkrebse, Jakobs- und Miesmuscheln, Langustinen und Hummer, Lachs, Dorsch und Hai, Elch und Rentier zum Verzehr angetreten sind? Liegenlassen? Nicht wirklich … und so liege ich jetzt (nach einem Aquavit an der Bar) in meiner Kabine und verdaue …

    Ach ja, Polarlicht gibt’s natürlich auch wieder (was kann an einem solchen Tag auch schiefgehen?) – und das mehr oder weniger den ganzen Abend in regelmäßigen Abständen …

    Tja, und so geht wieder einmal der schönste Tag der Reise zu Ende ;-) Glücklicherweise habe ich die Rundreise bis Trondheim gebucht, sonst wäre morgen in Kirkenes Endstation. Damit muss ich mich nur von meinen beiden Tischdamen verabschieden, die sich mit mir die letzten sechs Tage gemeinsam durch die Menüs und Buffets gegessen haben und morgen Abend bereits den Köln/Bonner Flughafen wiedersehen. Ich schaue derweil morgen erst einmal an der russischen Grenze vorbei …

    Kirkenes – Wendepunkt der Reise

    Der Wendepunkt der Hurtigruten ist erreicht. Hier in Kirkenes, nur wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt, beginnt der Rückweg der Hurtigruten nach Bergen. Eine komplette Rundfahrt Bergen – Kirkenes – Bergen dauert dabei 11 Tage und wird von jedem Besatzungsmitglied zwei Mal absolviert, bevor es in die Freizeitphase (ebenfalls 22 Tage) geht. Idealerweise teilen sich zwei Besatzungsmitglieder aus dem gleichen Ort einen Arbeitsplatz, so dass sie in ihrem jeweiligen Heimathafen wechseln können – ansonsten muss natürlich noch die An- und Abreise (und das ist ja nicht mit einer S-Bahn-Fahrt von Offenbach nach Frankfurt vergleichbar) berücksichtigt werden. Einzige Ausnahme von diesem Prinzip sind im Übrigen die Reiseleiter; diese wechseln immer in Bergen, damit die Betreuung der Passagiere durchgängig durch den gleichen Mitarbeiter gewährleistet ist. Somit bleibt uns Tone noch die restliche Strecke bis zum Ende der Fahrt erhalten.

    Aber eigentlich wollte ich ja nicht über die Arbeitsbedingungen auf der Hurtigruten schreiben sondern über Kirkenes. Also:

    Die schönste Seereise der Welt …

    Bereits nach wenigen Kilometern Fahrt haben wir den einzigen Grenzübergang zwischen Norwegen und Russland erreicht: Storskog. Waren zu Zeiten des „Kalten Krieges“ hier pro Jahr maximal 3.000 (legale) Grenzübertritte zu verzeichnen, so sind es heute mehrere 100.000 pro Jahr.

    Kirkenes – Entfernungsschilder

    Bis vor gut zehn Jahren war die Haupterwerbsquelle in Kirkenes der Eisenerzabbau in der Grube Bjørnevatn; diese wurde 1996 geschlossen, steht aber im kommenden Jahr vor der Wiederaufnahme ihres Betriebs da sich die Preissituation am Weltmarkt wieder geändert hat. Interessantes Detail am Rande: in einem stillgelegten Stollen der Grube suchten im zweiten Weltkrieg rund 3.000 Einwohner Zuflucht bis die Russen im Oktober 1944 das Gebiet befreiten – in dieser Zeit wurden hier zehn Kinder geboren.
    Kirkenes hat die Kriegsjahre leider nicht so gut überstanden. Aufgrund der geographischen Ausgangslage waren hier über 100.000 deutsche Soldaten stationiert, was Kirkenes über 350 Luftangriffe einbrachte, so dass die Stadt nach dem Krieg komplett neu aufgebaut werden musste.

    Der Rückweg zum Schiff beinhaltet dann noch einen kleinen Fotostopp mit tollem Ausblick über den Fjord und unser Schiff – und dann heißt es auch schon Abschied nehmen und Abfahrt in Richtung Bergen.

    Im Laufe des Nachmittags zieht jetzt Nebel auf, so dass ich mich nach einem kleinen Lunch in der Cafeteria mit einem Buch und Kaffee in die Panorama-Galerie zurückziehe und dem Weg des Schiffes folge.

    Den einstündigen Aufenthalt in Vardø ignoriere ich im Übrigen – möglich wäre hier u.a. die Besichtigung der Festung Vardøhus gewesen, allerdings habe ich meinem Buch jetzt den Vorzug gegeben …

    Interessant ist allerdings eine Information, die ich am Rande erhalten habe: jedes Jahr an meinem Geburtstag haben die Kinder in Vardø schulfrei. Wusste ich bis jetzt gar nicht, dass man das hier so wichtig nimmt. Kann aber natürlich auch sein, dass das mit dem Ende der Dunkelzeit zusammenhängt, da sich an diesem Tag die Sonne zum ersten Mal wieder am Horizont zeigt …

    Da Kirkenes für einen Teil der Reisenden Endstation gewesen ist und andere hier erwartungsvoll das Schiff besteigen, ergeben sich auch beim Dinner gewisse Veränderungen. Nachdem meine bisherigen Tischdamen in Kirkenes ausgestiegen sind (hat aber nichts mit mir zu tun gehabt!), habe ich Tisch 43 nun für mich allein.

    Unabhängig davon ist das Essen aber noch genauso lecker wie an den Tagen zuvor. Heute wird als Vorspeise eine Suppe „Irma“ (Spargel, Champignons und Hühnchen) gereicht, der Hauptgang besteht aus Dorschrücken an gedünsteten Kartoffeln und einer Knoblauchsauce und zum Dessert lockt ein Schokoladenkuchen mit Mango-Eis. Dazu gönne ich mir heute mal ein Fläschchen von dem portugiesischen Rotwein …

    Pünktlich zum Abendessen erfolgt wie an den Vortagen der Hinweis der Brücke auf das Nordlicht, das sich heute noch intensiver darstellt (und auch problemloser zu fotografieren ist, da inzwischen ausschließlich Fotoapparate auf Stativen zu sichten sind). Kein Wunder, dass zu Zeiten, in denen man von leuchtenden Atomen noch nichts wusste, die Einwohner an böse Geister glaubten …

    Die schönste Seereise der Welt ...

    Kirkenes – Hafen mit MS Trollfjord

    Im Vorfeld zu diesem Urlaub habe ich mir im Übrigen die Frage gestellt, ob es sinnvoller ist, die Strecke von Bergen nach Kirkenes oder die umgekehrte Strecke von Kirkenes nach Bergen zu buchen (dass ich jetzt die komplette Strecke gebucht habe, habe ich Heike zu verdanken, der ich genau diese Frage gestellt hatte – sie hatte sie beantwortet mit „Ich würde die gesamte Strecke nehmen.“) Wer dennoch zum Ausprobieren, aufgrund zu weniger Urlaubstage oder weshalb auch immer nur die halbe Tour machen möchte, dem würde ich (zumindest im Winter) die nordwärts gehende Strecke von Bergen nach Kirkenes empfehlen: die Landschaft ist von Tag zu Tag schöner und reizvoller geworden und hat mit Kirkenes einen würdigen Abschluss gefunden – umgekehrt könnte ich mir vorstellen, dass die Rückkehr aus dem echten Winter in unsere Breitengrade eher etwas frustrierend wirken würde. Außerdem gibt es nordgehend mehr Ausflugsmöglichkeiten als auf der südgehenden Strecke …

    Soweit zu den touristischen Tipps … Den Rest des Abends mache ich mir weiter mit meinem Buch gemütlich und versinke dann auch alsbald, den Wellenbewegungen des Schiffes folgend, in tiefen Schlummer.


    © Reisebericht und Bilder von Harald Manger





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